Ferkeltaxe und andere Kuriositäten

Heute ist Sonntag. Und Sommersaison. Deshalb habe ich wieder ein bisschen Niedersachen erkundet und bin Bahn gefahren. Ein Tagesbericht in vier Etappen.

Ferkeltaxe

Startpunkt: Banhnhof Rinteln Nord

Auf der etwa 20 Kilometer langen Bahnstrecke von Rinteln nach Stadthagen, auf der eigentlich kein Personenverkehr mehr stattfindet, gibt es im Sommer touristische Fahrten mit einem historischen Schienenbus, der aufgrund seiner Farbe und Gestalt auch gerne Ferkeltaxe genannt wird. Und so habe ich mich entschlossen, heute bei einer dieser Fahrten dabei zu sein.
Also bin ich früh aufgestanden (ja, richtig, an einem Sonntag sogar!) und um kurz nach neun Uhr in Göttingen losgefahren, Umstieg in Elze, dann weiter nach Rinteln. Das ist im Weserbergland gelegen, ganz nah an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen (Heimat!). Der Museumszug startet nicht im DB-Bahnhof, sondern in Rinteln Nord, aber dieser Bahnhof ist direkt nebenan. Die 35 Minuten Aufenthalt habe ich damit verbracht, mir die Umgebung etwas anzuschauen, was allerdings nicht sehr ergiebig war, denn die Altstadt ist ein Stück entfernt. Was ich aber gefunden habe, war eine Bäckerei-Filiale. So eine, wie sie in Discountermärkte eingebaut sind. Das Frühstück war gesichert. Mir tönte zwar ein »Ich hab’ schon geschlossen« entgegen, denn es war Schlag elf. Ein Croissant (nein, Hörnchen) habe ich dann doch noch bekommen. Die Kundin die kam, als ich rausging, musste dann auch da bleiben, draußen.

So, nun fuhr endlich der Schienenbus ein. Eine Gruppe von vier Briten (oder zumindest hörte sich ihr Englisch very British an) war auch an Bord, sonst gab es aber keine weiteren Fahrgäste. Ich setzte mich direkt hinter den Triebfahrzeugführer und hatte so einen tollen Ausblick auf die Strecke und konnte nebenbei mit den Freiwilligen des Vereins ein bisschen plaudern.

Halt in Obernkirchen

Die unterhielten sich im Wesentlichen über den fortgeschrittenen Unkraut- aber vor allem Brombeerwuchs an der Strecke und über Möglichkeiten, dem Treiben der Natur Herr zu werden. Die Brombeeren sind besonders schwer zu entfernen, weil sie so harte Äste (oder wie das bei denen heißt) haben. Aber man will sich eventuell bei anderen Museumsbahnern einen Mäher leihen. Ach, was weiß ich. Dann haben wir uns noch über Sicherungen von Bahnübergängen unterhalten. Ich finde das eigentlich ganz schön, dass bei solchen Fahrten die rot-weiße Fahne, die wir alle schön in der Fahrschule lernen, auch mal in der Realität auftaucht. Nur scheinen deren Funktion nicht mehr alle Autofahrer zu kennen. Es kam heute fast zur Kollision als ein VW-Fahrer weiterfahren wollte als der Bahnübergang gesichert wurde. Schließlich hielt der Zug ja (logischerweise) vor dem ungesicherten Übergang an, da kann man ja auch mal davon ausgehen, dass er wartet, so dachte es sich der Fahrer wohl.
Nach einem kurzen Zwischenstop am Bahnhof von Obernkirchen, der vor allem als Foto- und Klopause genutzt werden konnte, ging die Fahrt weiter. Bei schönstem Sonnenschein ging es an Getreidefeldern entlang und durch idyllische Landschaft hindurch. Bis wir dann das Ziel, Stadthagen Westerreicht hatten.

Stadthagen

St.-Johannis-Kapelle Stadthagen

Ich hatte im Zug noch gefragt, ob nun Rinteln oder Stadthagen das lohnendere Ziel sei und offenbar hatte ich mich genau für den falschen der beiden Orte entschieden. Aber was solls, es war jetzt nunmal so. Auch in Stadthagen ist die Altstadt etwas vom Bahnhof entfernt, etwa zwei Kilometer. Hat man das geschafft, ist man in einer schönen Umgebung von Fachwerkhäusern, Kirchen und Markt, wie man es sich vorstellt. Ich habe ein bisschen rumgeknipst und einen Happen gegessen und machte mich nun wieder auf in Richtung Bahnhof. Ursprünglich wollte ich etwa vier Stunden in Stadthagen bleiben, aber das hätte ich vermutlich nicht ausgehalten, also habe ich mich entschieden, noch nach Porta Westfalica zu fahren. Da wollte ich schon lange mal hin.

Auf dem Weg bin ich auf eine Litfaßsäule gestoßen, auf die neben den üblichen Plakaten folgender Zettel geklebt war (hier aus nachvollziehbaren Gründen etwas entschärft):

Ich war überrascht und schockiert gleichermaßen, denn ich hatte öffentliche Pranger eher im Mittelalter verortet. Also habe ich diesen Fund fotografiert. Und dann geschah es. Ein Mann stand plötzlich hinter mir und fragte: »Was ist das denn?« Ich wusste zunächst nicht, ob er tatsächlich wissen wollte, was für ein Zettel das ist oder ob er meinte: »Warum machst du davon ein Foto? Was soll das?«. Seiner Fahne nach kam er gerade aus der Dorfkneipe gegenüber. Ich habe ihm gesagt, dass ich verwundert darüber bin, dass hier jemand öffentlich beleidigt und als Lügner bezeichnet wird. Er meinte dann, ich solle doch den Handwerker verstehen, der auf seinem Schaden sitzen geblieben war. Schon richtig, aber in unserem Rechtsstaat regeln man das anders, nämlich vor Gericht und nicht per Pranger. Außer, ja, außer natürlich, man hat krumme Dinge am laufen und es handelte sich um Schwarzarbeit. So war es offenbar hier.

Der Mann, B., lud mich auf ein Bier in die Kneipe ein, ich willigte ein und ging mit. So kam ich in den Genuss eines Schaumburger Premium Pils und musste noch ein bisschen Geschwafel ertragen. Als wir die Kneipe betraten, gröhlte B.: »Das hier ist Stefan, ein Tourist aus Göttingen!« und während des Gesprächs dann: »Ohohoh, ein Student. Soso. Und was studierst du? Achherrje, das kann ich ja nichtmal aussprechen. Werd doch Ingenieur!« usw usf. Dann hat B. Kartentricks gezeigt, eine Runde Schnaps spendiert und weiter erzählt. Ein bisschen aufdringlich, aber schon lustig, irgendwie. Wie es sich herausstellte, war der Urheber des Litfaßsäulenschilds auch in der Kneipe. Der hat mir auch von einem Weltenbummler erzählt, der, heute 50, »irgendwas mit Sprachen, Philosowieso« studiert hat, und seitdem irgendwie so durchs Leben eiert, ohne richtigen Job. »Ist ’ne Einstellungssache!« Mein Sitznachbar zur linken hat mir dann noch seinen Anisschnaps zugeschoben und so kam es, dass ich um 14 Uhr schon eine nicht unwesentliche Menge Alkohol intus hatte. Aber dann musste ich wirklich weiter, glaubs mir, B.

Porta Westfalica

Zurück am Bahnhof bin ich schnell in den Zug Richtung Rheine gehopst, den ich unterhalb des Kaiser-Wilhelm-Denkmals an der Tür nach Westfalen wieder verlassen habe. Bis man allerdings vom Bahnhof mal im Zentrum ist, das dauert eine Weile. Einfach, weil erstmal nirgends Zentrum ausgeschildert ist, lediglich der zentrale (?) Ortsteil. Naja. Viel Zeit und Lust hatte ich nicht auf diesen Ort, dann habe ich schnell ein Eis gegessen, ein paar Fotos gemacht und bin wieder zurück zum Bahnhof.

Bad Oeynhausen

Kurpalais Bad Oeynhausen

Und zwar weiter nach Bad Oeynhausen. Dieser Ort ist besonders bekannt für Herzklinik und Kuranlagen. Und er hat zwei Bahnhöfe. Über Bad Oeynhausen Süd, der etwa 800 Meter von dem anderen entfernt ist, kommt man bequem zurück nach Göttingen. Also machte ich mich auf den Weg dorthin, direkt durch die Innenstadt hindurch. Und in der Tat, der Kurpark und die Umgebung sind wirklich sehr schön. Das so genannte Kurpalais hat mich sogar ein bisschen ans Bellevedere in Wien erinnert. Aber wirklich nur ein bisschen. Auch hier habe ich wieder einige Fotos gemacht und irgendwann, des Laufens müde, einfach auf einer Bank ein bisschen gelesen, bis der Zug abfuhr.
Und dann bin ich irgendwann wieder in Göttingen angekommen, mit dem Zug der Zukunft des Metronom übrings. Doch dazu später (vielleicht) mehr.

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