Ein Wochenende in Hessen

Letztes Wochenende war ich mal wieder in Hessen. Besonders nach Gießen zieht es mich immer mal wieder hin. Schließlich muss ich ja schauen, wie sich diese Stadt, in der ich ein paar Jahre gelebt und studiert (ja, auch das!) habe, verändert. Außerdem besuche ich dort immer wieder sehr gerne meinen guten Freund Deissler. Wir plaudern dann über alte und neuere Zeiten, tun immer noch allerlei Quatsch – und trinken mindestens ein Kölsch in der Vanilla Bar.

Frankfurt

Dieses Mal bin ich, am Freitag, allerdings direkt nach Frankfurt durchgebraust. Ankunft 11:04 Uhr. 1 Abends wollte ich zu einem Konzert von SoKo – dazu unten mehr –, aber was sollte ich bloß mit dem ganzen Tag anfangen, wo ich doch Frankfurt gar nicht so sehr mag?

Ich hab’ da zwar ein paar Bekannte, aber die hatten alle keine Zeit, was sicher daran lag, dass ich erst am Donnerstag dran gedacht habe, sie zu fragen. Da habe ich zu kurz gedacht. Es ist eben nicht jeder spontan 😉 Auch die Frankfurter Wikipedianer hatte ich gefragt, gleichermaßen erfolglos. Also musste ich mir selbst was ausdenken. Ursprünglich wollte ich dem Kunstmuseum Städel einen Besuch abstatten und dort die Ausstellung Schwarze Romantik anschauen, der Eintritt war mir dann aber mit 12 Euro (ermäßigt!) doch entschieden zu hoch. Also habe ich einen kurzen Blick in die Touristeninformation im Hauptbahnhof geworfen, um zu erfahren, was noch so los ist. Entschieden habe ich mich dann für einen Besuch des Struwwelpeter-Museums und des Museums für Kommunikation.

Struwwelpeter in der Version von 1858 (public domain 2)

Das erste widmet sich dem Werk Heinrich Hoffmanns (1809–1894), der aus Frankfurt stammte und den Struwwelpeter 1844 seinem Sohn als Weihnachtsgeschenk erdachte, weil er kein geeignetes Kinderbuch gefunden hatte. Neben der eigentlichen Struwwelpeter-Geschichte enthält das Buch weitere kleine Episoden, die alle nicht minder bekannt sind – und mir dort wieder ins Gedächtnis gerufen wurden. Seien es die Geschichte vom wilden Jäger, in der sich der Hase des Jägers Flinte schnappt und anschließend den Jäger jagt, oder Paulinchen, das mit dem Feuer spielt und dabei am Ende, bezeugt von den Katzen Minz und Maunz, verbrennt. Nicht zu vergessen sind hier natürlich der Suppen-Kaspar und der Zappel-Philipp. Ich fands schön, diese zum Teil ja sehr extremen Geschichtchen wieder mal zu lesen. Außerdem zeigt das Museum den weltweiten Erfolg und hält verschiedene Übersetzungen bereit, darunter der finnische Jörö-Jukka. Da hab ich allerdings, wenig verwunderlich, kaum was verstanden. Außerdem gibt es unzählige Variationen, Interpretationen und Adaptionen des Stoffs, von denen das Museum auch einige zeigt. Das war mir nicht klar und deshalb fand ich es interessant zu sehen, wie man in den verschiedensten Jahrzehnten und politischen Gebieten mit dem Struwwelpeter umgegangen ist.

Anschließend war ich im Museum für Kommunikation. Da ich die Dauerausstellung schon kannte, habe ich bloß die beiden Sonderausstellungen angeschaut. Eine widmet sich der Zeit als Phänomen. Man bekommt eine Eintrittskarte, die man bei Betreten der Ausstellung in einem Entwerter wie es sie in Bussen gibt entwertet und so einen Zeitstempel bekommt. Beim Verlassen stempelt man wieder und sieht so, wie lange man in der Ausstellung war. Es wird – mit einem Fokus auf Post- und Telekommunikationsdienstleistungen – dargestellt, wie etwa Personen-, Waren- und Informationstransport immer schneller möglich waren und so der Zeitfaktor zu einem großen Wettbewerbsvorteil wurde. Das hat sich ja bis in unsere heutige Gesellschaft erhalten, sodass Ruheoasen im Alltag immer wichtiger werden. Unter dem eher unpassenden Stichwort der Entschleunigung gibt es heute Seminare, Nahrungsmittel, Kosmetika und Vitaminpräparate, die dem angeblich so gewachsenen Stress entgegenwirken sollen. Eine schöne Idee waren mehrere »Gästebücher« am Ende der Ausstellung, wo man reinschreiben konnte, was man machen würde, wenn man mehr Zeit hätte und was man unbedingt mal wieder machen will und all sowas.

Im zweiten Teil waren Ergebnisse eines Fotowettbewerbs zu sehen. Er stand unter dem Thema »Warnhinweise« und es ging darum, solche Hinweise visuell zu interpretieren. Leider kann ich die Fotos aus urheberrechtlichen Gründen nicht hier zeigen, aber verlinken ist möglich 😉 So fand ich beispielsweise die Idee zu »Brennende Kerzen nicht unbeaufsichtigt lassen« sehr charmant. Kerzen haben also ein erotisches Eigenleben und schmelzen sich gegenseitig leidenschaftlich in den Tod. Eher pragmatisch ist hingegen dieses Bild – diese Idee umzusetzen fände ich durchaus sinnvoll. Einen Bericht dazu und weitere Bilder gibts beim Hessischen Rundfunk.

Mittlerweile war es 17 Uhr, also immer noch fast vier Stunden bis zum Konzert. Was tun? Ich hab mich dann entschieden, einfach ein bisschen rumzulaufen, auch abseits des Stadtzentrums. Spannendes hab ich dabei allerdings nicht erlebt, also schreib ich auch nicht mehr dazu, sondern geh mal direkt über zu
 
SoKo. Ich weiß noch genau, wie ich zum ersten Mal auf sie gestoßen bin. Das muss 2007 oder so gewesen sein. Damals habe ich noch regelmäßig Domian angehört und eines Nachts lief SoKos »I’ll Kill Her« nach der Sendung. Da niemand gesagt hat, was für ein Lied das war, musste ich googlen und dann war sie da. Ich war sofort begeistert. Im Jahr drauf war sie dann in Frankfurt und da hab ich sie dann zum ersten Mal live gesehen. Nach der Show habe ich mir noch ein Autogramm geholt und bin wie ein kleines Kind vor ihr herumgetanzt. Damals hatte sie noch kein Album und auch sonst nichts zu verkaufen.

2012 ist dann im Februar ihr erstes Album erschienen. Zufällig kam sie nach Stockholm, weshalb ich mir überlegt hatte, an dem Wochenende auch nach Stockholm zu schippern. So hab ichs dann auch gemacht. Diesmal hatte sie was zu verkaufen und ich habe mir dann ihr cooles Alien-T-Shirt besorgt, das sogar im Dunkeln leuchtet. Auch hier wieder ein bisschen Smalltalk.

Und dann war sie eben am Freitag in Frankfurt und ich hab gedacht, ich fahr mal hin. Ich hatte eh einen Anlass für eine Reise nach Mittelhessen, also konnt ich auch nach Mainhatten durchbrausen. Irgendwann waren dann endlich die Türen des Klubs offen und es füllte sich sehr allmählich. Anfangs waren nur so 25 Leute da, aber dann wurds voll. Ich stand mit meine Glow-in-the-dark-Shirt in der ersten Reihe. Zuerst kam eine Gruppe aus Island, Low Roar, deren Sänger eigentlich Amerikaner ist, aber seit einer Weile schon in und auf Island wohnt. Ihm gefällts da wohl auch. Ich hab ihm erzählt, dass ich vor ein paar Wochen auch Of Monsters and Men gesehen habe und er meinte, die seien beste Freunde. Tja, soo groß ist die isländische Musikszene ja nun auch nicht. Seine Musik ist ganz ok, aber mir am Ende dann doch zu viel Gejaule. In manchem Song, naja, eigentlich in allen, gabs minutenlanges Noooo. SoKo hat sich übrigens in der Zeit mit ner Tasse Tee ins Publikum gemischt. Für ein (schönes!) Duett ist sie dann auf die Bühne geklettert, bevor sie ihr komplett gehörte.

So, dann war es soweit und SoKo startete ihre Show. Es ging los mit People Always Look Better In The Sun, aber das ist schon fast alles, was ich zur Reihenfolge der Songs sagen kann 😉 SoKo kann die traurigsten und melancholischsten Texte singen, ihr gelingt es trotzdem, dem Publikum ein Lächeln ins Gesicht zu bringen. Sie ist lustig, auch direkt, und ganz und gar nicht abgehoben. Wenn Leute im Publikum quatschen, sagt sie ihnen, sie könnten ja gehen, wenn sie sich unterhalten wollten anstatt zuzuhören. Oder sie könnten ja auf die Bühne kommen, dann wären sie lauter und könnten von allen besser verstanden werden. Schlagfertig, die Dame! Zwischendurch fragt sie, ob wir weiter melancholische Lieder hören wollten oder ob es etwas »punkiger« werden sollte. Die Leute schreien »I’ll Kill Her!«, aber SoKo entgegnet nur, dass sie dieses Lied nicht spielen werde. Wer wirklich nur deshalb gekommen sei, sollte auch besser wieder gehen. Sie hätte dieses Lied vor langer Zeit mal geschrieben, aber fände es jetzt nicht mehr passend. Und sie will nur noch Songs singen, die jetzt passen und direkt aus ihrer Seele kommen. Am Ende gibt es doch eine Mehrheit für die »Punk«-Abteilung und die nachfolgenden Lieder sind dann etwas flotter und drumslastiger gespielt. Dann sagt sie, sie braucht für das nächste Lied Unterstützung auf der Bühne. Der Verrückteste im Publikum soll raufkommen und den Song »I Thought I Was An Alien« mit Alientänzen begleiten. Ein Mädel schlägt ein anderes vor. Sie traut sich nicht. Die Vorschlagerin will auch nicht. Also sucht SoKo sich selbst Leute aus, und weil ich ihr T-Shirt anhabe, darf ich zu ihr auf die Bühne kommen! Wuhuuuu! Ich zücke natürlich sofort meine Kamera und mache ein Foto mit ihr. Ohne Blitz. Sie fragt, ob es was geworden ist, ich verneine und wir machen noch eins, dieses Mal mit Blitz und einem Wangenküsschen für mich. 🙂 Da kommt das kleine Kind in mir wieder zum Vorschein! Dafür mach ich mich auch gerne zum Affen und hample auf der Bühne rum*. Ist ja egal wie. Oder wer weiß schon, wie Aliens tanzen? Na also! Das war mein Highl Höhepunkt! Nach dem Konzert geh ich noch zu ihrem Stand und rede wieder ein bisschen mit ihr, ich erzähle, dass ich schon 2008 in Frankfurt war und vor exakt einem halben Jahr das T-Shirt gekauft hab. Und frage, ob ich das Foto in Twitter sharen darf. Jo, mach ich dann auch.

*) Edit: Wer fleißig Youtube durchsucht, kann die Stelle mittlerweile sogar finden. Schon ein bisschen peinlich, vor allem verglichen mit dem Mädel auf der Bühne!

Gießen

Nachts war ich dann irgendwann zurück in Gießen, wo ich mich noch mit Deissler getroffen hab, der bei ein paar Freunden und Bekannten feierte. Am Sonntagnachmittag fand in Gießen dann ein »Finnischer Nachmittag« über das Thema Stille statt. Dabei finde ich immer wieder spannend, wie dieses Thema inszeniert wird. Schon damals in Turku, beim Blackmarket hat mich das fasziniert. Dieses Mal gab es neben finnischen Gedichten (größtenteils in deutscher Übersetzung) musikalische Häppchen aus Finnland. Insgesamt eine schöne Veranstaltung. Und manchmal, mit Augen zu, konnte man sich fast ein bisschen nach Finnland träumen.

Show 2 footnotes

  1. Ursprünglich wollte ich dafür den ICE 871 um 10:55 Uhr nehmen. Hätte da noch 14,25 Euro gekostet, aber als ich ihn dann wirklich buchen wollte, war er schon um einiges teurer. Also musste ich mich entscheiden, ob ich 7 Euro mehr zahle oder zwei Stunden früher aufstehe, denn für IC 2277 um 8:40 Uhr waren noch günstige Tickets zu haben. Also nahm ich den IC.
  2. Der Künstler, Hoffmann, ist seit mehr als 70 Jahren tot, daher ist sein Werk gemeinfrei. Die Bildquelle ist Wikimedia Commons.
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