Die spinnen, die Finnen

Am Mittwoch war der aus dem Rheinland stammende, aber seit einigen Jahren in Finnland lebende (und lehrende) Autor Dieter Hermann Schmitz zu Gast in einem Seminar der Turun Kauppakorkeakoulu über Interkulturelle Kommunikation, um aus seinem Roman Die spinnen, die Finnen zu lesen und sich der Diskussion mit dem Publikum zu stellen. Der Seminarraum 07 der School of Economics war bis auf den letzten Platz gefüllt einige Interessierte mussten gar Stühle aus dem Cafeteriabereich entführen und im Publikum gab es eine gute Mischung von Finnen und Deutschen.Insgesamt gab die abwechselnde Reihenfolge von Lesung und Präsentation von Hintergrundinformationen den Takt und die Struktur der Veranstaltung vor. Schmitz erzählte in ausgiebiger Ausführlichkeit von der Ullstein-Reihe Länderhumor, in der neben seinem Werk eine Reihe weiterer Bücher gleicher Machart erschienen sind. Das bekannteste darunter ist wohl Maria, ihm schmeckt’s nicht von Jan Weiler, das sich dem Untertitel nach mit der »italienischen Sippe« des Erzählers befasst und mit Christian Ulmen in der Hauptrolle erfolgreich verfilmt worden ist. Zum Konzept dieser Reihe gehört es, Erfahrung in der Fremde auf humoristische Art und Weise mitzuteilen und überspitzt die (für den deutschen Leser seltsam anmutenden) Gewohnheiten der Menschen in ebendieser Fremde darzustellen. Dabei ist klar, dass mit Stereotype gespielt wird und ein überzeichnetes Bild entsteht. Und das ist auch gut so, schließlich ist das Ziel dieser Art von Literatur. Gerade in den letzten Jahren ist geradezu ein Boom derartiger Veröffentlichungen zu verzeichnen und die großen Verlage für Unterhaltungsliteratur haben ihre jeweils eigenen Reihen. Anscheinend ist der Markt nicht übersättigt, was Schmitz im Falle Finnlands damit begründet, dass Finnland-Freunde wohl sehr treu seien und daher gerne auch mehrere dieser subjektiven Berichte in ihren Regalen haben.

Und damit nach einer etwas längeren Schleife zurück zu Schmitz und seinen spinnenden Finnen. Normalerweise ist es, wie gesagt, konzeptioneller Bestandteil solcher Literatur (und ihrer öffentlichen Lesung), dass vor allem Humor, Leichtigkeit und Spritzigkeit anzutreffen sind. Ich selbst war einmal bei einer Lesung von Eberhard Apffelstaedt in Wetzlar, der aus seinem Buch Finnen? Finnen! gelesen hat, und ich muss sagen: Es war eben das: humorvoll und spritzig.

Anders hingegen Schmitz. Sein Stil war eher dröge und phasenweise sogar langweilig. Das lag nicht zuletzt an seinen eingestreuten Informationen über Verlagsprogramme und deren Vermarktungsstrategien. Aber auch die verlesenen Textausschnitte waren meiner Meinung nicht klug gewählt. So erzählt er beispielsweise eine Episode, in der Hermann (so heißt überraschenderweise auch der Romanheld im Übrigen haben wir es mit einem Ich-Erzähler zu tun) beim Skilaufen stürzt und ein Finne wortlos vorbeizieht, ohne ihm Hilfe anzubieten. Schmitz fragt ins Publikum: »Könnten Sie sich so eine Situation vorstellen?« und erntet einiges Nicken. Er erklärt, das habe damit zu tun, dass ein finnischer Mann zunächst einmal selbst mit seinen Problemen zurecht kommen müsse und dass er aktiv Hilfe verlangen müsse. Der andere Skisportler wollte also lediglich, dass Hermann (der im Roman) sein Gesicht bewahrt. Jedenfalls hat Schmitz das von seiner finnischen Frau erfahren.

Gut, diese Geschichte ist insofern vielleicht interessant, als dass es bei der Veranstaltung auch um das Thema der Höflichkeit gehen sollte und hier eben zwei unterschiedliche Handlungsweisen aufeinandertreffen. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass man aus einem solchen (in diesem Fall tatsächlich autobiografischen) Inhaltshappen durchaus hätte mehr machen können, durch bissigere Formulierung und pointiertere Sprache. Auf mich wirkte Schmitz zudem lustlos. Jedenfalls gelang es ihm nicht, das Publikum zu einer Diskussion zu animieren. Irgendwann entfuhr ihm ein (sicher scherzhaft gemeintes) »Ja, schweigen, das können Sie ja gut«, kurz nachdem er feststellte, dass ältere Herrschaften durchaus sehr gerne diskutierten. Das wirkte dann doch deplatziert.

Erst am Ende kommt etwas von der Atmosphäre und Stimmung auf, die ich eigentlich erwartet hatte: Es geht um die finnische Sprache und deren »Schwierigkeit« (ich bin der Meinung, es gibt keine schwierigen Sprachen, aber das kann ich mal an geeigneterer Stelle näher erläutern). Zur allgemeinen Erheiterung des Saals trägt Schmitz eine Textstelle vor, in der es um finnischen Lehnwörter aus dem Deutschen und dem Schwedischen geht, und die die Gemeinsamkeit haben, auf /i/ zu enden: Kindliche Verwandtschaft der Romanfigur ist begeistert von broileri, besservisseri, braatvursti, krokotiili, posti, bussi, pankki, teatteri, taksi, hotelli, musiikki und so weiter und fragt sich schließlich, ob diese Entlehnungs- und Wortbildungsregel auch beim Namen der finnischen Pizzeriakette Koti Pizza Anwendung finden kann. Bravo, das ist eine nette Pointe, die zurecht bekichert wird. So sollte es sein. Schade nur, dass diese Stelle eigentlich gar nicht auf dem Leseplan stand und der Seminarleiter Schmitz ermuntern musste, noch einen Textabschnitt vorzutragen.

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